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Das wahre Monster hat keine Kiemen – die Botschaft der Kostüme aus „Shape of Water“

Interview mit Luis Sequeira zum Kostümdesign von Shape of Water – Das Flüstern des Wassers

Im mit 4 Oscars ausgezeichneten Erfolgsstreifen „Shape of Water“ finden die stumme Putzfrau Elisa (Sally Hawkins) und ein amphibisches, von der CIA festgehaltenes Wesen (Doug Jones) gegen alle Widerstände zusammen. Sie entwickeln ganz ohne Worte eine intensive Beziehung, die trotz der lebensfeindlichen Umgebung eines kalten Militärlabors und dem drückenden Gefühl der Unsicherheit des Kalten Krieges zu etwas heranwächst, womit niemand gerechnet hat – am allerwenigsten Elisa selbst. Für Versuchsleiter Strickland (Michael Shannon) ist dies ein Dorn im Auge, den es gilt schnellstmöglich loszuwerden. Schließlich soll das „Monster“, das er in einem Wassertank gefangen hält und immer wieder aus offensichtlich nicht nur rein wissenschaftlicher Neugier quält, auf keinen Fall dem Feind in die Hände fallen. Die Vorteile, die ein humanerer Umgang mit dem Wesen aus dem Amazonas mit sich bringen würde, bleiben ihm dabei jedoch verborgen: Neben seiner hochinteressanten Biologie kann das Amphibien-Wesen zum Beispiel auch Wunden in deutlich kürzerer Zeit heilen, als es Menschen möglich wäre und stellt damit weniger eine Gefahr, als vielmehr eine Bereicherung für die Gesellschaft dar – gerade während der turbulenten Zeiten, in denen der Fantasie-Film spielt. Doch Strickland, der dem Geschöpf weder denselben Wert zuspricht noch ihm dieselben Bedürfnisse wie die eines Menschen zugesteht, ist blind für jegliche Empathie. Die warmherzige Elisa und ihre loyale und selbstbewusste Freundin Zelda (Octavia Spencer) bilden damit den exakten Gegenpart zu seiner kalten Persönlichkeit. Dieses vorhandene Spannungsverhältnis, das sich durch den gesamten Film zieht, wird maßgeblich von Luis Sequeiras kreativem Kostümbild beeinflusst, welches mit viel Liebe zum Detail, erheblichem Aufwand und mit viel Recherchearbeit entworfen wurde. In unserem Interview lest ihr mehr zu den Looks und Outfits aus „Shape of Water“!



Redaktion: Wann war für Sie der Moment, in dem Sie wussten, dass Sie Kostüme für Filme entwerfen möchten?
Luis Sequeira: Filme haben mich schon immer begeistert. Ich erinnere mich noch daran, wie ich als Kind bestimmte Filme wieder und wieder geschaut habe – und jedes Mal habe ich wieder etwas Neues entdeckt! Später habe ich dann „Blade Runner“ gesehen, der mich mit seinen Fantasy-Elementen einfach umgehauen hat. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich noch in einem kleinen Betrieb in Toronto, da war schon die Vorstellung davon, einmal selbst das Kostümbild für einen derart ikonischen Kinofilm zu entwerfen, für mich noch in unerreichbarer Ferne. Daher kreierte und verkaufte ich zunächst meine eigene kleine Modelinie. Dabei lernte ich einige Leute aus der Filmbranche kennen, die gerade an einem David Cronenberg-Film arbeiteten, besuchte das Filmset und fing kurze Zeit später als Wardrobe-Trainee an. Dann arbeitete ich mich im Costume Department immer weiter hoch, bis ich schließlich beim Costume Design angekommen war.

„Man startet mit nichts als Wörtern auf einer Seite.“

Redaktion: Was lieben Sie an Ihrer Arbeit am meisten?
Luis Sequeira: An meiner Arbeit fasziniert mich am meisten das Konzept: Man startet mit nichts als Wörtern auf einer Seite, dann kommen viele kreative Köpfe zusammen und erwecken schlussendlich das Skript mit ihrer gemeinsamen Arbeit zum Leben: Sets, Props, Make-Up, Haare und Kostüme … Die Schauspieler hauchen den Charakteren schließlich das Leben ein. Das Alles, also die ganze fantastische erschaffene Welt, wird dann auf Celluloid – und in der Geschichte – festgehalten. Man kann es gut mit einem Zirkus vergleichen: Wenn die Vorstellung vorbei ist, wird alles abgebaut, die Mitwirkenden gehen auseinander und weiter ihre eigenen, getrennten Wege. Alles was bleibt ist die Erinnerung an das Gefühl der Freude, die der fertige Film für einen selbst bedeutet. Das klingt ziemlich romantisch, aber das ist es, wofür ich lebe.

Haben Sie ein bestimmtes Genre, für das Sie am liebsten die Kostüme entwerfen?
Luis Sequeira: Jedes Projekt hat seine Herausforderungen und Vorzüge. Für jeden Film kreieren wir eine ganz eigene Welt. Mein Favorit wäre eine Mischung aus einem historischen Film mit futuristischen Elementen. Bei Ersterem hat man die Gelegenheit, mit präziser Recherche eine Epoche und einen Ort zu rekonstruieren. Bei Letzterem bedarf es dagegen hypothetischen Theorien darüber, wie sich soziale Normen bis zu diesem Moment entwickelt haben, um herausfinden zu können, wie sich die Charaktere in einer solchen Zeit kleiden könnten. Beide Szenarien sind deswegen sehr spannend, weil sie über die Norm hinausgehen.

Wenn Sie Ihre eigene Arbeit an verschiedenen Filmen beschreiben müssten: Was hätten die Kostüme alle gemeinsam?
Luis Sequeira: Wenn ich an ein Projekt herangehe ist meine persönliche „Mission“ Kostüme zu entwerfen, die den Test der Zeit bestehen. Das heißt ich versuche immer, mit meinen Designs eine ästhetische Balance zu wahren. Es gibt nichts Schlimmeres als einen Film Jahre später zu sehen und sich über einen gezwungen-modernen Look zu ärgern, der einem eine gewisse Zeit später schon wortwörtlich in den Augen wehtut. Die einzige Ausnahme sind hier Komödien, doch selbst da versuche ich, den Zuschauer nicht zu sehr durch auffällige Kostüme abzulenken.

„Zu diesem Zeitpunkt sollte es noch ein Schwarz-Weiß-Film werden.“

Wie sind Sie auf „Shape of Water“ aufmerksam geworden?
Luis Sequeira: Guillermo trat nach einem der finalen Produktionsmeetings von „The Strain“ Staffel 3 an mich heran. Zu diesem Zeitpunkt sollte es noch ein Schwarz-Weiß-Film werden, lose basierend auf einer Kreatur von der „Black Lagoon“. Einen Schwarz-Weiß-Film zu drehen war dabei gleichermaßen aufregend und abschreckend – hier hatte ich im Gegensatz zum Farbfilm fast keine Erfahrung. Deswegen begann ich mit einer Fotostudie zu Textilfarben und Mustern sowohl in ihrer natürlichen Farbe als auch in Schwarz-Weiß. Das war ein sehr interessanter Prozess. Kurz danach wurde entschieden, den Film in Farbe zu drehen und ich kann ihn mir ohne auch nicht mehr vorstellen, da Farbe nun eine sehr wichtige Rolle im Film spielt.

Wie war für Sie die Zusammenarbeit mit Regisseur Guillermo del Toro?
Luis Sequeira: Die Arbeit mit Guillermo war wundervoll. Er ist ein echter Visionär! Er verlangt das Beste von jedem Einzelnen und im Gegenzug fühlte ich mich verpflichtet ihm jeden Tag das bestmögliche Ergebnis zu liefern. Es wurde regelrecht zu einem inneren Wettstreit, eine bessere Arbeit abzuliefern, als ich es je zuvor getan hatte. Wo wir gerade dabei sind: Guillermo ist außerdem sehr kollaborativ, offen für andere Ansichten und neue kreative Herausforderungen. Die beidseitige Liebe zum Projekt war dabei stets Teil unserer Zusammenarbeit.

Wie gehen Sie an neue Projekte heran? Haben Sie bestimmte Routinen oder jedes Mal einen neuen Ansatz?
Luis Sequeira: Jedes Projekt ist einzigartig, aber im Allgemeinen steht nach dem Lesen des Skripts immer die Recherche im Mittelpunkt. Die Suche nach Bildern ist dabei der Schlüssel. Diese werden in Ordnern von 4-300 Seiten gesammelt. Dann stelle ich gemeinsam mit dem Regisseur eine kurze Liste von Filmen zusammen, in denen für den aktuellen Film wichtige Elemente enthalten sind. Danach stelle ich Kleidungsstücke, Accessoires und Stoffe zusammen, die zu diesem Konzept passen könnten. Das kann eine alte Lederjacke im authentischen Used-Look oder ein Paar Schuhe mit einem unglaublichen Detail sein. All diese Dinge helfen dabei, den Dialog und den kreativen Prozess zu ermöglichen.


„Es gab nur wenig Raum für Fehler oder Verschwendung.“

Was war für Sie die größte Herausforderung während Ihrer Arbeit an „Shape of Water“?
Luis Sequeira: Insgesamt gab es drei große Herausforderungen: Das Budget, das Wasser und das Kleid von Elisa am Ende des Films. Die finanziellen Mittel waren zwar vorhanden, aber begrenzt, so dass der Design-Prozess präzise, schnell und geschickt geplant werden musste. Es gab nur wenig Raum für Fehler oder Verschwendung.
Das Wasser war eine große Herausforderung, weil wir einerseits einen authentischen Look im strömenden Regen, andererseits aber auch halbwegs trockene Schauspieler wollten. Jedes Kleidungsstück für die Szene am Ende des Films wurde daher mit technischem Nylon unterfüttert, so dass die Schauspieler während mehrere Aufnahmen nachts und unter strömendem Regen trocken blieben. Außerdem verliehen wir der Kleidung einen „Nass-Effekt“ um einen konsistenten Wet-Look zu gewährleisten. Für die Unterwasser-Szene hatten wir für Elisa außerdem dasselbe Outfit in zwei unterschiedlichen Ausführungen entworfen: An der Arbeit, also „an Land“, trug sie einen roten Mantel und das graue Kleid, die für die Szene unter Wasser extra aus einem leichteren und fließenden Stoff gefertigt wurden.


Wie ging die Recherche für die Kostüme, speziell die Uniformen von statten?
Wie war das Verhältnis von authentischer und nachgeschneiderter Kleidung in „Shape of Water“?
Luis Sequeira: Das Verhältnis war der Schlüssel, die Zeitperiode erfolgreich einzufangen. Wir nahmen authentische Kleidungsstücke als Basis für viele Uniformen und suchten nach Baumwollstoffen mit passender Struktur und Textur. Bei Anzügen achteten wir ebenfalls darauf, dass der Stoff die richtige Dicke hatte, da modernerer Anzugstoff aktuell ziemlich dünn ist.


Die Farbpalette ist relativ einfach und in gedämpften Farben gehalten – trotzdem hat jeder Look seinen eigenen, starken Charakter. Wie haben Sie diesen Balanceakt gemeistert?
Luis Sequeira: Dabei habe ich mit Guillermo und Paul Austerberry, unserem unglaublichen Produktionsdesigner, zusammengearbeitet und sowohl eine Farbpalette für bestimmte Locations als auch für die Charaktere an sich entworfen. In einigen Fällen habe ich die Paletten ausgetauscht, als die Geschichte voranschreitet und so den Prozess der Figurenentwicklung unterstützt. Indem wir spezielle Farben und Stoffe für diese und andere Charaktere einsetzten war es uns möglich, einen vielschichtigen Bildteppich an Personen innerhalb des Films zu kreieren. Alle Kostüme sind dabei in einer bewusst gemilderten Art und Weise entworfen, um die Geschichte anzureichern und weiterzuentwickeln, nicht aber um von ihr abzulenken.


„Wir wollten für jeden Charakter einen ikonischen Look kreieren.“

Haben Sie für die Entwicklung der Figuren, ihre typischen Farbpaletten und die Paletten für bestimmte Locations vielleicht ein paar Beispiele?
Luis Sequeira: Auf dem Gelände herrschen Cremetöne, Grautöne und eisige, kalte Blautöne vor.
Die Russen umgeben sich am liebsten mit Brauntönen und dem satten Grün eines Waldbodens.

Strickland trägt Zuhause sattere Farben als im Labor, zum Beispiel Avocado, Orange, Oliv, Kirschrot oder Kastanie und seine Outfits entsprechen insgesamt eher dem modernen Look der 60er Jahre.


Elisa nutzt fast exklusiv eine Farbpalette in Meeresfarben, vor allem in Grün- und Blautönen. Später im Film spielt die neu eingeführte Farbe Rot eine große Rolle und spiegelt die Veränderung in ihrem Charakter wider. Sie symbolisiert ihren Vorsatz, ihre Entschlossenheit, Rebellion und letztendlich auch Liebe.

Zelda setzt bei ihren Looks viel auf Farbe. Dabei orientiert sich ihre Palette an den Farben leicht zerschrammter Früchte, ähnlich einem Blauen Fleck, die ihre Beziehung zu ihrem Mann widerspiegeln sollen, der sie mit wenig bis gar keinem Respekt behandelt. Sie nutzt dafür Pflaume, Mango und verblassenden Pfirsich. Im Gegensatz dazu finden sich auf ihren Kleidern auch dekorative Nähte und hübsche Details, die im Kontrast zu ihrer Farbwahl stehen. Da sie ihre Kleider selbst näht sehen sie außerdem stets makellos rein und frisch aus, was sie von ihren Kollegen abhebt.

Hoffstetler hat als Doppelagent auch eine doppelte Farbpalette: Während er sich im Labor aufhält passt er sich farblich an die sterile Kleiderordnung an, unter Gleichgesinnten setzt er auf satte, kalte Brauntöne und Salbei – damit zeigt er seine Liebe zu seinem Heimatland.


In den 60ern hatte die Fashion-Etikette weit mehr Einfluss als heute. Wie groß war der Einfluss dieser Periode auf die Kostümwahl?
Luis Sequeira: Für jeden Charakter einen ikonischen Look zu kreieren war von höchster Wichtigkeit. Guillermo und ich mussten uns vergegenwärtigen, wie der typische Style eines Charakters aussieht und diesen konstant beibehalten. Es ist fast so, als würde man eine Puppe des Charakters in ein Outfit stecken, das für diesen absolut typisch ist. Ich glaube, das ist uns effektiv gelungen.

Haben Sie einen Lieblingsstyle im Film?
Luis Sequeira: Das von Ginger Rose inspirierte Kleid, welches Elisa während der Traumszene trägt. Es ist so anders als ihre Outfits im Rest des Films und musste traumhaft schön aussehen. Die Arbeit daran hat mir viel Freude gemacht und sich angefühlt, wie echte Couture. Allein für den Stoff haben wir schlappe zehntausend Dollar ausgegeben – die französische Spitze allein lag bei vierhundertfünfzig für ein Yard. Die vielen Arbeitsstunden von fünf Paar Händen sind hier noch nicht mal mit eingerechnet. Diese Liebe zum Detail hat auch Sally (Hawkins) gespürt. Sie sagte, sie fühle sich darin wie eine Braut.


Wie würden Sie die Outfits von Elisa, Zelda, Strickland, Hoffstetler, Elaine und Hoyt mit einem Wort beschreiben?
Luis Sequeira:

Elisa: elegant
Zelda: stolz
Strickland: makellos
Hoffstetler: genau
Elaine: modern
Hoyt: autoritär

„Entweder man trägt Kleidung oder die Kleidung trägt dich.“

Man sagt ja, dass eine Person in einem Look toll aussehen kann, eine andere in exakt demselben Outfit dagegen fürchterlich. Denken Sie es ist einfacher einen passenden Look für einen Charakter zu kreieren, wenn Sie mehr Zeit mit ihm/ ihr verbracht haben und diesen besser kennen?
Luis Sequeira: Es ist wahr: Entweder man trägt Kleidung oder die Kleidung trägt dich. Wenn ich mit Schauspielern arbeite und Charaktere entwerfe, studiere ich den Körper der Figur und betonte das Positive, während ich die Problemzonen kaschiere. Das Äußere einer Person zu verstehen hilft mir dabei ein Design zu kreieren, das den Schauspieler nicht überstrahlt oder überlagert.

Jeder Charakter scheint ein bestimmtes Accessoire zu besitzen: Ein Haarband, eine Uhr, eine bestimmte Art von Brille, eine Anstecknadel. Wie haben Sie das richtige Accessoire für jedes Outfit gefunden?
Luis Sequeira: Ich habe tatsächlich versucht jeden Charakter mit einem Hauch von individuellem Design auszustatten. Accessoires waren hierbei von großer Wichtigkeit.
Elisas Schuhe waren inspiriert von einem Vintage-Paar von Ferragamos, Zeldas Anstecknadel mit gebrochenem Flügel wird am Ende des Films durch einen aufsteigenden Vogel ersetzt. Die Anzüge und Krawatten von Strickland und ihre Makellosigkeit und Modernität, die Farbpalette die fast keine Farben mehr aufweist – auf diese Art habe ich das wirkliche Monster im Film kreiert.

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