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Dieses bescheuerte Herz – Zwei Looks, zwei Welten

Interview mit Mo Vorwerck zum Kostümdesign von Dieses bescheuerte Herz

Während Lenny in seinem Leben in Saus und Braus mit der Zeit jegliche Bezüge zum Leben eines "normalen" Menschen verloren hat, beobachtet der vom Schicksal schwer gezeichnete David Menschen wie ihn mit dem sehnsüchtigen Blick eines Ausgeschlossenen. Alles, was für Lenny und Seinesgleichen - oder auch für die meisten anderen Menschen - völlig selbstverständlich ist, bleibt für den fünfzehnjährigen Jungen wegen eines angeborenen Herzfehlers in nahezu unerreichbare Ferne. Als das Schicksal die beiden so unterschiedlichen Charaktere zusammenführt beginnt jedoch ein Wandel, der die Lebenseinstellungen von beiden nach und nach verändert und beginnt, die Größenverhältnisse wieder geradezurücken - und zwar auf beiden Seiten.

Diese Veränderung sieht man auch den Kostümen in "Dieses bescheuerte Herz" deutlich an. Hier wurde jedoch nicht nur die persönliche Entwicklung der beiden Protagonisten aufgegriffen, sondern viel Wert auf eine authentische Darstellung der Lebensumstände gelegt. Bei ihren Entwürfe für die Looks von David hat sich Kostümdesignerin Mo Vorwerck nämlich nicht auf eine passende Optik beschränkt: Für den Film wurde die Kleidung extra so ausgewählt, dass sie auch über einem Rahmenstützkorsett getragen werden kann und damit an reale Bedingungen und Probleme angepasst, vor denen die tatsächlich Betroffenen auch in Wirklichkeit stehen. Das macht die Outfits besonders authentisch und zeigt, wie intensiv sich ein Kostümdesigner mit der Thematik des Films befasst, um ein stimmiges und rundes Gesamtbild zu kreieren. Welchen Einfluss die "wahren" Personen hinter der Geschichte auf die Kostümwahl hatten, was Designerin Mo Vorwerck an der Story am meisten berührt hat und welche Kleidungsstücke und Accessoires im Film "Dieses bescheuerte Herz" auf die Kappe von Elyas M'Barek gehen, könnt ihr in unserem Interview nachlesen!



Redaktion: Wann war für Sie klar, dass Sie Kostüme entwerfen möchten?
Vorwerck: Ende der 90er Jahre, als mich ein Freund gefragt hat, ob ich für seinen Mini-Independent-Film das Kostümbild machen möchte. Direkt nach meiner Ausbildung zur Entwurfsdirektrice die Initialzündung sozusagen.

Wieso haben Sie sich speziell für Filmkostüme entschieden und nicht zum Beispiel für Theaterkostüme?
Vorwerck: Mir persönlich liegt der Bereich Film einfach mehr.

Und für welches Genre übernehmen Sie hier am liebsten das Kostümbild?
Vorwerck: Schräge Roadmovies, Kinderfilme, Actionreißer, aber genauso auch für anspruchsvolle Dramen. Eigentlich alle Bereiche.

Was finden Sie persönlich schwieriger: Outfits für Frauen oder für Männer zusammenzustellen?
Vorwerck: Auch wenn das eine langweilige Antwort ist: mir macht beides gleichermaßen Spaß! Wenn sich die Zusammenstellung von Kostümen als schwierig erweist, hat das meistens eher wenig mit dem Geschlecht der betreffenden Person zu tun.

Gibt es typische Probleme mit denen man bei der Arbeit als Kostümdesigner zu kämpfen hat?
Vorwerck: Ich würde es weniger als Probleme sondern eher als Herausforderung bezeichnen: in unserem Bereich arbeiten die verschiedensten, oft auch sehr eigenwillige Persönlichkeiten zusammen. Das birgt nicht immer Harmonie in sich …

 „Bis zum ersten Drehtag sind noch alle Wandel möglich.“

Wenn Sie an einem Film arbeiten: Wie sieht bei Ihnen der typische Ablauf vom Entwurf bis hin zum fertigen Design aus?
Vorwerck: Zunächst spreche ich mit der Regie über das Buch und die darin vorkommenden Charaktere. Meine Ideen und Vorstellungen veranschauliche ich mit von mir zusammengestellten Mood-Boards. Dann folgen die Anproben und danach werden wieder in Absprache mit der Regie die Kostüme für den Film ausgewählt.

Also stehen die Kostüme danach komplett fest? Oder gibt es auch während des Drehs noch Raum für Veränderungen?
Vorwerck: Bis zum ersten Drehtag sind noch alle Wandel möglich, danach ist die Figur natürlich eigentlich gesetzt.

Wie sind Sie auf den Film „Dieses bescheuerte Herz“ aufmerksam geworden und was hat Sie dazu veranlasst, das Kostümbild zu übernehmen?
Vorwerck: Zunächst wurde ich von der Produktionsleitung angerufen, die dann ein Treffen mit Regisseur Marc Rothemund in die Wege geleitet hat. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden, sodass einer Zusammenarbeit nichts im Weg stand.

Also lief die Arbeit mit Marc Rothemund gut?
Vorwerck: Großartig! Marc ist ein straighter Typ, der seine Meinung und Ansichten egal ob positiv oder negativ direkt und unverschnörkelt mitteilt. Damit kann man hervorragend arbeiten.

Haben Sie das Buch von Daniel Meyer und Lars Amend schon vor dem Film gekannt oder sind Sie ganz unvoreingenommen an das Drehbuch herangegangen?
Vorwerck: Ich bin erst durch das Drehbuch auf das Originalbuch aufmerksam geworden und habe es natürlich sofort verschlungen!

Was hat Ihnen am Buch/ Drehbuch besonders gefallen?
Vorwerck: Die Entwicklung dieser tiefen Freundschaft zweier so unterschiedlicher Menschen.

Und was hat Sie an der Geschichte selbst am meisten berührt?
Vorwerck: Dass Daniel entgegen aller Prognosen seinen 16. Geburtstag feiern konnte. Und mit was für einer Feier!

„Das rückt einem die Prioritäten im Leben wieder gerade.“

Was war für Sie die größte Herausforderung bei Ihrer Arbeit am Film?
Vorwerck: Wir mussten sehr genau recherchieren, welche Einschränkungen – in unserem Fall bezogen auf die Kleidung – der Junge in seinem täglichen Leben auf sich nehmen muss. Zum Beispiel ließen wir für Philip (spielt David) ein Rahmenstützkorstett anfertigen, das dem von Daniel recht nahe kommen sollte.

Gab es für Sie einen absolut unvergesslichen Moment während des Drehs?
Vorwerck: Die Zusammenarbeit mit den Kindern in der Pfenningparade war unvergesslich und herzerwärmend. Das rückt einem die Prioritäten im Leben wieder gerade.

Woher haben Sie Ihre Inspiration für die Kostüme in „Dieses bescheuerte Herz“?
Vorwerck: Wir hatten sehr viel Bild- und Videomaterial von Debbie, Daniel und Lars erhalten. Marc und ich hatten beschlossen, uns besonders bei Debbie und Daniel sehr an deren persönlichen Kleidungsstil zu halten. Daher waren beide eine starke Inspiration für die fertigen Looks von Philip Noah Schwarz und Nadine Wrietz.

Welches Gefühl war Ihnen wichtig mit den Looks von David und Lenny zu vermitteln?
Vorwerck: Dass beide sich vorsichtig immer mehr aneinander annähern.

Und welches Outfit hat Ihnen am meisten Spaß gemacht zu kreieren?
Vorwerck: Jedes einzelne Outfit ist das Ergebnis eines Gesamtprozesses, der immer riesigen Spaß macht.

Haben Sie auch ein persönliches Lieblingsoutfit?
Vorwerck: Alle sind ein Teil des Ganzen, so gesehen gibt es keine Lieblinge. Obwohl – der Katzenschlafanzug von Betty … *lacht*

„Lenny versteht in diesem Moment, dass nicht alles mit Geld regelbar ist.“

Im ersten Drittel des Films geht Lenny ja mit David shoppen. Was die Outfits angeht also eine absolute Schlüsselszene. Wie haben Sie die Looks von David ab diesem Zeitpunkt angepasst?
Vorwerck: David und mit ihm sein Look werden sukzessiv eindeutig erwachsener.

Indem Lenny seinem Schützling neue Klamotten kauft scheint er ihn auch ein bisschen an seine gewohnte Welt „anpassen“ zu wollen. Er übernimmt sozusagen ein Stück weit die Kontrolle über dessen Leben, in dem er ihm einen neuen Look verpasst. Kurz darauf erleidet David einen Anfall. Könnte es sein dass Lenny hier zum ersten mal klar wird, dass er zwar Davids Äußeres verändern kann, das aber nichts an seiner Zukunft und seinem Leben ändert?
Vorwerck: Auf jeden Fall versteht Lenny in diesem Moment, dass nicht alles mit Geld regelbar ist, denke ich.

Inwiefern hatte die Herzkrankheit von David Einfluss darauf, welche Kleidung Sie für ihn ausgesucht haben?
Vorwerck: Maximale Bewegungsfreiheit muss möglich sein und das Rahmenstützkorsett muss natürlich gut darunter passen. Es darf nichts scheuern oder einengen.

Bedeuten seine neuen Klamotten für David so etwas Ähnliches wie in ein anderes Leben, also wortwörtlich in eine „andere Haut“ zu schlüpfen?
Vorwerck: Bestimmt, er möchte ein bisschen mehr sein wie Lenny, mutiger und lässiger …

Der Rucksack von GTI Medicare ist uns als sehr dezent in Erinnerung geblieben. Durch das unauffällige Design bleibt seinem Träger zumindest ein kleines Stück mehr Privatsphäre erhalten. Hatten Sie ein Mitspracherecht bei der Wahl der Requisiten?
Vorwerck: Mein lieber Kollege Ralf Habermann und ich haben uns immer abgesprochen und abgestimmt, die endgültige Entscheidung liegt aber immer in der betreffenden Abteilung.

Die Figur Lenny (Eylas M’Barek) macht ja im Laufe des Films eine ziemliche Veränderung durch. Haben Sie versucht, diesen Wandel auch durch seine Outfits zu unterstreichen?
Vorwerck: Auf jeden Fall.

Und welche Details waren Ihnen hier besonders wichtig?
Vorwerck: Seine Kleidung wird weicher und praktischer, der neuen Situation, bei der stylische, teure Klamotten eher hinderlich sind, angepasster.

Also hatte es Einfluss auf Ihre Kleiderwahl von Lenny, dass er aus einem reichen Elternhaus stammt?
Vorwerck: Großen Einfluss. Die charakterliche Entwicklung von Lenny ließ sich so auch kostümtechnisch schön unterstreichen.

In einer Szene trägt Lenny einen schicken braunen Rolli mit Zopfmuster und dazu seine typische Lederjacke, legt seine Füße auf den Tisch und sieht dabei genau so aus, wie man sich einen verwöhnten jungen Mann vorstellt. War Lennys Ignoranz am Anfang des Films etwas, das Sie explizit in seinen Looks aufgreifen wollten?
Vorwerck: Unbedingt, deswegen hatten wir uns zum Beispiel auch für die superschöne, aber Distanz ausstrahlende Lederjacke bei seinem ersten Besuch im Hospiz entschieden.

Gibt es ein Kleidungsstück oder Accessoire, dass Elyas M’Barek selbst beigesteuert hat?
Vorwerck: Nein, aber Elyas hat netterweise zwei tolle Sponsorings mit Rolex und Asics in die Wege geleitet.

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