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Draufgänger, Pragmatiker, Lebenskrise – Was uns die Looks in „Nirgendwo“ verraten

Interview mit Melina Scappatura zum Kostümdesign von Nirgendwo

Als ob es nicht schon schwer genug wäre, Kostüme zusammenzustellen, die perfekt zur Stimmung eines Films und zur Persönlichkeit der jeweiligen Charaktere passen, stellt „Nirgendwo“ seine Kostümdesignerin Melina Scappatura vor eine weitere Herausforderung: Durch viele Nah- und Detailaufnahmen ist von den liebevoll gestalteten und gut durchdachten Looks oft nur ein kleiner Ausschnitt zu sehen. Und das, obwohl die Figuren und ihre Charaktere im Film vor allem durch ihre Individualität bestechen, die Melina Scappatura gekonnt in die Outfits einfließen hat lassen.

Da wäre zum Beispiel der stets ruhelose Weltenbummler Fresi (Frederik Götz), der zu jedem Kostüm eine von der Kostümdesignerin selbst entworfene Surferkette kombiniert, die für ihn die Freiheit symbolisiert, die er sich so sehr wünscht. Oder Mischa (Jella Haase), deren Kostüme in dunkleren, gedeckten Farben gehalten sind und so ihre Unentschlossenheit und Abneigung widerspiegeln, sich endgültig auf etwas festzulegen. Dannys (Ludwig Trepte) Outfits sieht man seinen inneren Wandel förmlich an, während man beobachtet, wie er Lackschuhe durch Vans und Stoffhosen durch Shorts von Iriedaily ersetzt. Robs (Dennis Mojen) Style, der nicht selten aus Marken wie HUGO BOSS oder Ray-Ban besteht, lässt kaum einen Zweifel offen, dass er aus einer wohlhabenden Familie stammt.

Und das sind nur einige der vielen Botschaften, die in den Kostümen der Schauspieler von „Nirgendwo“ mitschwingen. Ihr wollt wissen, welche modischen Details vom Regisseur selbst schon im Drehbuch festgelegt wurden oder an wen die Kostümdesignerin Dennis Mojen erinnert? Dann klickt euch rein in unser Interview zu „Nirgendwo“!



Redaktion: Wie sind Sie zum Film „Nirgendwo“ gekommen? Was hat Sie daran besonders interessiert?
Scappatura: Ich wurde durch eine befreundete Kostümbildnerin weiterempfohlen. Und da ich selbst in einem für (mich gefühlten) Nirgendwo aufgewachsen bin, konnte ich schnell die im Drehbuch geschilderten Emotionen wiedererkennen.

Wie hat Ihre Vorbereitung für die Arbeit am Film ausgesehen?
Scappatura: Wir hatten einen Monat Vorbereitungszeit, in der ich und meine Assistentin den Dreh vorbereitet haben. Während dieser Zeit haben wir uns viel mit dem Regisseur auseinandergesetzt, die Anproben gemacht und viel organisiert. Und natürlich hieß es vor allem shoppen, shoppen, shoppen!

„Meine liebste Inspiration: Das Leben!“

Wie sieht bei Ihnen der typische Weg bis zu einem fertigen Designentwurf aus? Wo holen Sie sich am liebsten Ihre Inspiration?
Scappatura: Erst einmal muss man sich über die Konstellation, in diesem Fall den Freundeskreis, klarwerden und herausfinden, aus welchem Umfeld die einzelnen Personen kommen, was sie unterscheidet und welche Merkmale den jeweiligen Charakter ausmachen. Dann kommt das Moodboard und schließlich der Abgleich mit den Vorstellungen des Regisseurs. Meine liebste Inspiration: Das Leben!

Moodboard Mischa (Jella Haase) aus dem Film Nirgendwo

Moodboard Mischa (Jella Haase) aus dem Film Nirgendwo

Hinter den Kostümen des Films scheint ja deutlich mehr zu stecken als nur gut kombinierte, zeitgerechte Mode. Das Wesen jedes einzelnen Charakters scheint sich über seine Outfits erst so richtig herauszukristallisieren. Dabei sieht man im Film durch viele Nahaufnahmen eher wenig von den Kostümen an sich. Wie haben Sie es geschafft, die Kleidung der Figuren dennoch wirkungsvoll in Szene zu setzten?
Scappatura: Ja, das ist manchmal schon ärgerlich, finde ich. Bei den Anproben mache ich immer eine Nahaufnahme von jedem Kostüm, so sehe ich genau, was hinterher wahrscheinlich auch im Fokus sein wird, nämlich das Gesicht und ein bisschen Kostüm. Witziger Weise sieht man ja zum Beispiel Schuhe eher selten und trotzdem macht man sich als Kostümbildner extrem viele Gedanken darüber. Schon absurd – aber Schuhe sind ja auch der Grundstein eines jeden Outfits!

„Das war ein Haus voll mit Menschen – bestehend aus 50 Komparsen und über 40 Crewmitgliedern!“

Die Kostüme tragen definitiv einiges zur Wirkung des Films bei. Was war die „Kernemotion“, die Sie mit ihren Designs vermitteln wollten? Scappatura: Sommer. Liebe, Jugend und die Suche eines jeden nach seinem Platz, aber auch seiner eigenen Identität und seiner Rolle in der Gemeinschaft.

Wie fanden Sie ihre Arbeit am Set?
Scappatura: Die Bayern sind ja gar nicht so, wie die Berliner das immer behaupten, von daher war es äußerst nett. Neben dem wirklich malerischen Ammersee sind mir vor allem noch zwei Drehorte in Erinnerung geblieben: Zum einen das Haus von Rob, in dem auch die Partyszene spielt. Das war ein Haus voll mit Menschen – bestehend aus 50 Komparsen und über 40 Crewmitgliedern! Man konnte sich kaum bewegen und das ganze drei Tage lang. Das hatte schon ein bisschen was von Hüttenkoller. Und zum anderen der Friedhof, dort waren wir dann bis tief in die Nacht… auf einem FRIEDHOF, ganz kuschelig bei Dauerregen…

Moodboard Danny (Ludwig Trepte) aus dem Film Nirgendwo

Moodboard Danny (Ludwig Trepte) aus dem Film Nirgendwo

Den Figuren hat dieses Engagement auf jeden Fall gutgetan! Rob ist zum Beispiel ein ziemlich facettenreicher Charakter. Seine Kostüme kommen dagegen mit wenig Details und Accessoires aus. Wie haben Sie seine Persönlichkeit in diese Outfits integriert?
Scappatura: Rob ist ja ein ziemlicher Dandy, ein Aufreißer und trotzdem lässig, skatet genau wie seine Freunde. Trotzdem ist er ja auch oberflächlich und etwas plump. So sehe ich ihn. Es war genau wie bei Danny wichtig, einen Stadt-Rob und einen Sommer-Zuhause-Rob zu entwerfen. Wohingegen Rob da schnell umschaltet: Stadt / Zuhause. Und ich glaube, ich habe mich gefragt, wie sein Vater so ist. Auch das Haus an sich gibt schon eine gewisse Richtung vor. Ich glaube, Rob hat früher auch Tennis gespielt, Golf spielt er ja sowieso… Daher habe ich bei den Anproben nach einer Kurze-Hosen-Form gesucht, die anders ist als die der anderen und wohlhabend wirkt. Ein passendes Modell habe ich schließlich bei H&M gefunden. Seine Jacke ist von Karstadt, der Rucksack von Iriedaily.

„In dem Moment, wo er entscheidet die Klausur sausen zu lassen, vollzieht sich der Wandel“

Wo Sie gerade Danny ansprechen – dieser hat ja einen ganz schönen Wandel hingelegt, wenn man mal die Outfits vom Anfang des Films mit denen am Ende vergleicht.
Scappatura: Danny hatte mit dem Nirgendwo abgeschlossen und wollte sich einen BWL-Mantel überziehen und nie mehr zurückschauen. Als er eigentlich widerwillig im Nirgendwo stecken bleibt, kehrt er zu seinen Wurzeln zurück und wird wieder der, der er in der Gruppe einmal war. Er lässt das doch eher langsam zu. In dem Moment wo er entscheidet die Klausur sausen zu lassen, vollzieht sich der Wandel. Keine Uhr mehr, immer weniger Hemden. Der alte Danny! Nach Fresis Tod wird er wieder etwas erwachsener und gefasster. Es zieht ihn wieder weg, aber diesmal in eine kreativere, ungezwungenere Welt.

Toms (Ben Münchow) Kostüm wirkt im Vergleich mit den Looks seiner Freunde am jugendlichsten. Dabei ist er der einzige, der bereits über das Heiraten nachdenkt. Wie passt das zusammen?
Scappatura: Ben ist der zuverlässige, bodenständige Typ, der sich immer treu bleibt und schon früh gemerkt hat, dass er niemanden beeindrucken muss um glücklich zu sein. Für mich ist er nicht jugendlich, sondern eher solide und standhaft. Deswegen ist er auch jemand der ans Heiraten glaubt und sich auch insgesamt bewusst ist, was er will und wo sein Platz ist.

Auch auf dem Szenenbild, auf dem die ganze Jungs-Clique zu sehen ist, trägt Fresi (als einziger der Gruppe) seine Sonnenbrille. Ist diese für ihn eine Art Schutz vor der Realität? Versucht er, sich und seine Probleme hinter den getönten Gläsern zu verstecken?
Scappatura: Genau – Das ist ein Detail, das von Anfang an so im Drehbuch stand und das wir auch versucht haben durchzuziehen.

Die Stimmung in der Szenen am Baumhaus kommt entspannt und ein bisschen nostalgisch herüber. Auch die Outfits von Kirsten (Amelie Kiefer) und Danny (Ludwig Trepte) scheinen sich mit ihren hellen Farben darin einzureihen.
Scappatura: Hier steht ganz klar die Annährung zwischen Danny und seiner Adoptiv-Schwester im Vordergrund. Und natürlich die Erinnerungen, die beide an ihre Kindheit und die Mutter haben. Es soll ein vertrauter Moment entstehen, ohne viele Ablenkungen. Das Outfit von Kirsten besteht aus einem Top von H&M, einer Jeans von Cheap Monday und ihre Brille ist von Giorgio Armani.

„Manchmal muss es eben Armani sein!“

Auch auf dem Bild mit Mischa und Tom trägt Kirsten wieder ihre stylische Brille von Armani. Ist diese doch recht teure Markenwahl.
Scappatura: Kirsten steht tatsächlich mit beiden Beinen fest im Leben, daran ändert auch erst mal die Nachricht von der Schwangerschaft nichts. Kirstens Stil ist auch etwas pragmatisch, so wie ihre Berufswahl und ihr Wunsch nach einer Familie. Trotzdem verbergen sich eigenwillige Details in den Outfits, sowie der rote Gürtel, der ockerfarbene Pullover oder die Sonnenbrille, die sie während der Autofahrt trägt. Und zur Brille: Manchmal muss es eben Armani sein!

Moodboard Kirsten (Amelie Kiefer) aus dem Film Nirgendwo

Moodboard Kirsten (Amelie Kiefer) aus dem Film Nirgendwo

Welche Kleidungsstücke trägt Fresi auf dem Szenenbild, dass auf der Hausparty gegen Ende des Films aufgenommen wurde?
Scappatura: Die Jacke ist Vintage, das T-Shirt von H&M und die Kette habe ich selbst hergestellt.

Die Figur „Fresi“ hat es im Film nicht gerade leicht und mit starken Emotionen und Ängsten zu kämpfen. War es schwer, eine Garderobe für diesen Charakter zusammenzustellen? Man glaubt ja eigentlich nicht wirklich, dass Fresi Lust hat, viel Zeit in einem Kaufhaus oder beim Shoppen zu verbringen…
Scappatura: … genau deswegen ist Fresi derjenige mit den wenigsten Kleidungsstücken. Er ist eigentlich mehr derjenige, der sein Geld lieber für Reisen ausgibt als für Kleidung. Er will nur weg von dort, das zeigt auch die Einrichtung in seinem Zimmer. Sein Kostüm ist hauptsächlich eine Mischung aus seiner Liebe fürs Skaten und seinem Fernweh. Das letzte Kostüm von Fresi ist bewusst in schwarz, blau und nachtblau gestaltet. Eine düstere Mischung. Das T- Shirt mit dem dunklen Kreis in der Mitte soll das tiefe Loch symbolisieren, in das er mittlerweile abgerutscht ist und darin zu versinken droht. Diese Symbolik fand der Regisseur Matthias Starte auch sehr passend und wir haben uns darauf geeinigt, dass das sein letztes Kostüm sein soll. Die Kette symbolisiert eigentlich die Freiheit die Fresi gesucht hat, ferne Länder, indigene Völker, mystische Rituale und außerdem die Abneigung gegen die Konsumwelt und den Einheitsbrei, der ihn umgibt.

Definitiv eines unserer Lieblingsbilder zeigt Robs subtile, charmante Art auf Kritik zu reagieren. Hierbei kommt seine Brille durch die Geste beim Hochschieben wunderbar zur Geltung. Aber auch die Clubmaster Brille von Ray-Ban an sich ist schon ein ziemlicher Hingucker. Wieso haben Sie genau dieses Modell ausgesucht?
Scappatura: Weil mich Dennis Mojen irgendwie an James Dean erinnert, hab ich nicht Recht?!

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