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Mauerblümchen und YouTube-Stars: Das steckt hinter den Kostümen von „Bruder vor Luder“!

Interview mit Dorota Budna zum Kostümdesign von Bruder vor Luder

Es mag auf den ersten Blick vielleicht nicht sofort auffallen, aber im Film „Bruder vor Luder“ spielen die Outfits eine große Rolle. Dass die Looks von den Lochis (Roman und Heiko Lochmann) so natürlich wirken liegt nicht zuletzt auch daran, dass diese teilweise aus den eigenen Klamotten der Zwillinge bestehen und von der Kostümdesignerin und ihrem Team als Vorlage für die übrigen Outfits genommen wurden.

Auch Fame-Bitch Jessy (Milena Tscharnke) hätte ihr Ziel, Heikos Herz zu erobern, wohl nicht so leicht erreicht, hätte sie sich nicht komplett umgestylt, um ihrem vorgegaukelten Image als schüchternes Mauerblümchen zu entsprechen. Im Gegensatz zu Jessy macht ihre Schwester Bella (Tara Fischer) mit ihren Looks eine Wandlung durch, die praktisch entgegengesetzt zu jener ihrer Schwester verläuft. Und nicht zuletzt wären ja da auch noch die Bff’s Mel und Li (Alena Wolf und Dagi Bee), die sich in Sachen Style an ihrem großen Vorbild Jessy orientieren. Zugegeben, den beiden stehen nicht ansatzweise dieselben finanziellen Mittel zur Verfügung, aber auch mit wenig Geld lassen sich umwerfende Outfits kreieren. Zumindest, wenn man ein gewisses Händchen für Mode hat.

Zum Glück ist das bei Kostümdesignerin und Fashion-Expertin Dorota Budna definitiv der Fall. Die meisten Kostüme hat sie nämlich aus dem Fundus durchaus erschwinglicher Marken wie etwa H&M oder Forever21 zusammengestellt. Und wenn noch ein ausgefallenes Accessoire fehlte, wurde dieses eben kurzerhand selbst zusammengebastelt. Natürlich wurde das ein oder andere Mal auch auf einen In-Designer wie Ted Baker oder superaktuelle Marken wie Juicy Couture zurückgegriffen, aber im Großen und Ganzen sind die Looks des Films auch etwas für den kleinen Geldbeutel und ganz nebenbei super authentisch.

Wie sie genau zusammengestellt wurden, welche Geheimnisse hinter manchen eher unscheinbaren Teilen stecken und was die Schauspieler selbst zu ihren Kostümen gesagt haben, erfahrt ihr in unserem Interview mit Dorota Budna!



„Kleider machen Leute, Kostüme machen Schauspieler“. Mit diesem Satz kann man die Arbeit von Dorota Budna, Kostümbildnerin für „Bruder vor Luder“, wohl am besten beschreiben. Denn erst ein passendes Outfit lässt einen Charakter wirklich authentisch wirken. Aber wie entsteht eigentlich so ein Look? Wir haben nachgefragt!

Redaktion: Wann haben Sie ihre Begeisterung für Kostümdesign entdeckt?
Budna: Eigentlich schon ziemlich früh. Ich bin ja in Polen zur Zeit des Kommunismus aufgewachsen. Und während meiner Kindheit gab es praktisch keine Auswahl was Kleidung angeht, die meisten Sachen waren braun. Also habe ich aus bunt gefärbten Laken eigene Kleidung genäht, aus Resten Schmuck gemacht oder unsere tristen Sportschuhe bemalt (lacht).

„Oft reichen schon ein paar Handgriffe, um eine völlig neue Wirkung zu kreieren.“

Wow, das klingt ziemlich kreativ! Da braucht man doch sicher ein gutes Auge?
Budna: Oft reichen schon ein paar Handgriffe, um eine völlig neue Wirkung zu kreieren. Ich habe mir die Dinge angesehen und mir vorgestellt, wie ich sie schöner machen könnte. Und dann habe ich das einfach umgesetzt.

Glauben Sie jeder kann diesen gewissen Blick für die Dinge lernen? Oder ist das eine Art Talent, das man von Geburt an hat?
Budna: Ich sehe es auf jeden Fall als eine Gabe an. Sicher kann man so etwas bis zu einem gewissen Grad lernen, aber manche Menschen haben einfach ein besonderes Gespür für Ästhetik. Das ist auch einer der Gründe, wieso ich Kunst studiert habe. Der ästhetische Aspekt spielt in vielen Bereichen eine große Rolle. Das ist bei dem Entwerfen stimmiger Outfits nicht anders.

Wann war für Sie klar, dass Sie in den Bereich „Film“ gehören?
Budna: Schon bei meinem ersten Tag am Set habe ich einen Moment gehabt, da hat mein Herz angefangen, schneller zu schlagen. Ich habe mich umgesehen und gewusst, dass es genau das ist, was ich machen möchte.

War das am Set von „Bruder vor Luder“ genauso?
Budna: Ja. Die Arbeit mit dem Regisseur, der Crew und den Schauspielern hat großen Spaß gemacht. Vor allem die Lochis haben mich ziemlich überrascht.

Inwiefern?
Budna: Zu Anfang war ich mir nicht sicher, mit was für Menschen ich es zu tun haben würde und ob wir uns trotz des Altersunterschieds gut verstehen würden. Ich kannte die beiden vorher nicht und hatte ein bisschen Angst, dass sie vielleicht etwas abgehoben oder verwöhnt sein könnten. Aber das war überhaupt nicht der Fall. Die beiden sind einfach total liebe, sympathische und total bodenständige Jungs. Und sie haben sich alles selber aufgebaut. Ihre Eltern haben zum Beispiel überhaupt nichts mit der Film- oder Musikbranche zu tun. Das war alles ihre eigene Idee. Bis vor Kurzem haben sie ihre Videos auch noch in ihrem Zimmer gedreht, mittlerweile fahren sie dafür in ihr Studio in Köln.

Sind die Lochis denn hinter der Kamera genauso witzig wie davor?
Budna: Absolut! Wir hatten viel Spaß zusammen (lacht). Einmal waren wir zum Beispiel auf Shoppingtour im H&M unterwegs, die ziemlich schnell von kreischenden Fans und einem spontanen Selfie-Shooting unterbrochen wurde. Das ist mir vorher noch nie passiert. Dabei war ich vorher auch schon mit namenhaften Schauspielern unterwegs. Aber die Lochis sind einfach sofort aufgefallen.

Wie war denn die Zusammenarbeit mit den Zwillingen? Sie sind ja eigentlich keine richtigen Schauspieler…
Budna: Da habe ich eigentlich keinen großen Unterschied feststellen können. Natürlich merkt man, dass die beiden keine jahrelange Schauspielausbildung hatten. Ansonsten gab es da aber keinen Unterschied zu den Profis.

„Kleider machen Leute und Kostüme machen Schauspieler.“

Was war Ihre Leitidee für die Kostüme von Roman und Heiko?
Budna: Ich entwerfe Kostüme immer in Bezug auf den Charakter, der sie trägt. Man sagt ja, „Kleider machen Leute und Kostüme machen Schauspieler“. In Heiko und Romans Fall war es ja so, dass Schauspieler und Charakter praktisch dieselbe Person waren. Deswegen habe ich mir den privaten Style der beiden einmal genau angesehen. Schließlich wollte ich die Lochis später auf der Leinwand genauso zeigen, wie sie auch im echten Leben sind, und sie nicht verkleiden. Deswegen war es mir auch wichtig, die Zwillinge genauer kennenzulernen. Die beiden sollen sich in ihren Outfits ja auch wohlfühlen. Wenn wir für ein Outfit einkaufen gegangen sind, habe ich das auch mal mit beiden separat gemacht, damit jeder ganz und in Ruhe ein paar Teile ganz nach seinem Geschmack aussuchen konnte, ohne dass der andere da Einfluss darauf hat. Die Kostüme sollten beide einfach so darstellen, wie sie wirklich sind.

„Die Kostüme sollten beide einfach so darstellen, wie sie wirklich sind.“

Was sagen denn „die Lochis“ zu ihren Looks? Gab es da Mitspracherecht?
Budna: Natürlich. Wenn ihnen ein Outfit absolut nicht gefallen hätte, hätten sie das selbstverständlich auch nicht tragen müssen. Aber wir haben die meisten Teile auch zusammen gekauft, deswegen war da eigentlich nichts dabei was sie nicht mochten. Heiko und Roman haben nach dem Dreh sogar ein paar Teile behalten.

Uns ist aufgefallen, dass Heiko und Roman in mehreren Szenen Kleidung der Marke CRIMINVL DVMVGE tragen. Hat das einen bestimmten Grund?
Budna: Tatsächlich tragen die beiden diese Marke auch privat, deswegen habe ich auch für die Filmlooks einige Stücke besorgt. Die Authentizität war mir bei den beiden besonders wichtig, da sich ja der gesamte Film um sie dreht. Das ein oder andere Teil stammt sogar direkt aus dem Kleiderschrank der beiden.

Wie war es, die Outfits für Jessy zu kreieren?
Budna: Die Outfits für Milena waren mit Abstand die teuersten im Film. Da wäre zum Beispiel das pinke Kleid, das sie auch im Trailer trägt. Das ist von dem bekannten Londoner Designer Ted Baker. Für ihren Charakter „Jessy“ habe ich es unten nur etwas gekürzt und an der Taille enger genäht, damit es besser zu der Rolle passt. Das teuerste Teil war aber der pinke Hausanzug von Juicy Couture, den sie trägt als die Sozialarbeiterin sie und Bella zuhause besucht. Die Marke tragen momentan auch viele Hollywoodstars. Milena fand den Anzug auch klasse, deswegen durfte sie ihn nach dem Dreh auch behalten.

Jessy macht ja als „Fame Bitch“ einen ziemlichen Wandel durch. Wie haben Sie das umgesetzt?
Budna: Für das Kennenlernen mit Heiko habe ich Jessys Look bewusst hochgeschlossen entworfen. Ich wollte, dass sie ein bisschen so aussieht wie eine Nonne, also unschuldig und zugeknöpft. Das Outfit mit dem grauen Pullover, der weißen Bluse mit Bubikragen, den Zöpfen und der Kreuzkette habe ich zum Beispiel nach diesem Konzept entworfen. Dazu noch ein paar Crocs und schon war sie eine ganz andere Person.

„Ihre Outfits zeigen ihre Verletzlichkeit und ihre ganz unverfälschte Persönlichkeit.“

Auch ihre Schwester Bella macht ja in Sachen Style eine ganz eigene, kleine Wandlung durch. Man könnte es fast schon eine Metamorphose nennen.
Budna: Das schon, aber die beiden Looks kann man nicht wirklich vergleichen. Bellas Style ist zu Anfang zwar auch etwas „zugeknöpft“, aber auf eine ganz andere Art. Ihr Charakter nutzt bequeme Pullis mit langen Ärmeln, um sich darin sicher zu fühlen und vielleicht auch um sich etwas zu schützen. Ihre Outfits zeigen ihre Verletzlichkeit und ihre ganz unverfälschte Persönlichkeit. Hierfür habe ich zum Beispiel zarte Blumenprints benutzt, etwa auf ihrem Rucksack oder ihrem Rock, den sie während dem Konzert trägt. Auch Erdfarben sind ein großes Thema bei ihren Kostümen. Gegen Ende des Films, wo sie sich endlich gegen ihre Schwester durchsetzt, trägt sie dann zum Beispiel einen bordeauxroten Pullover zu dem erwähnten Rock, dazu eine Strumpfhose und Chucks. Sie bleibt ihrem Style also treu, wirkt aber gleichzeitig femininer und selbstbewusster. Aus dem ehemaligen Mauerblümchen wird so ein bildhübsches Mädchen.

Was ist leichter: Kostüme für Frauen zu entwerfen oder für Männer?
Budna: Das ist unterschiedlich. Bei Frauen ist es ja so, dass sie auch in ihren Kostümen gerne hübsch aussehen wollen. Das lässt allerdings nicht jede Rolle zu. Für die Rolle der Sozialarbeiterin Schmitt war es zum Beispiel nötig, ihr Outfit deutlich zu überspitzen, um den gewollt biederen Look herzustellen. Im echten Leben ist Petra Nadolny (spielt Frau Schmitt) eine modisch gekleidete Frau, aber für den Charakter musste sie eine Bluse mit Mottendruck tragen. Das würde sie privat wahrscheinlich nicht. Sie hat sich aber nicht beschwert, sondern war ganz professionell. Bei Alena (spielt Mel) und Dagi Bee (spielt Li) war das genauso. Ihre Kostüme sind ja auch ziemlich plakativ. Bei ihren Outfits galt genau wie bei fast allen anderen eigentlich immer das Motto: Ein Bild, ein Lacher. Generell wurde am Set viel gelacht. Wir hatten einfach Spaß zusammen.

Welches Outfit war für Sie die größte Herausforderung?
Budna: Definitiv die Kostüme für Bella (gespielt von Tara Fischer). Die Figur hat viele Facetten und ist insgesamt komplizierter als die von Jessy oder ihren Mädels. Für Bella gab es auch die meisten Anproben. Es hat eine Weile gedauert, bis wir den richtigen Look gefunden hatten. Ihr Kostüm sollte nicht überspitzt wirken, aber trotzdem ihren Status als Mauerblümchen unterstreichen. Mit ihrem Look mussten wir auf einem schmalen Grad zwischen zu gestylt und uncool wandern.

Das ist auf jeden Fall gut gelungen. Wie sieht es mit den Kostümen der anderen YouTuber aus? Da wären ja beispielsweise noch LionT und Simon Desue.
Budna: Für Simon (spielt Benji) habe ich lockere, lässige Schnitte und dunkle Farben gewählt. Das passte einfach am besten zu seiner Rolle. LionT (einer der Hater der Lochis,) trägt an sich denselben Style wie die anderen Jungs: Sneakers, Jeans, T-Shirt und Bomberjacke.

Und die Mädels?
Budna: Alena und Dagi Bees Charaktere eifern mit ihren Outfits ja so ein bisschen dem Style von Jessy nach. Da Jessy und Bellas verstorbene Eltern ziemlich reich waren und Jessy dementsprechend teure Klamotten trägt, gelingt es ihnen aber nicht, ihren Style wirklich zu kopieren. Ihre Kostüme sind deswegen etwas trashiger und schriller. Das liegt auch an solchen Kleinigkeiten wie ihrem Nagellack im Partnerlook oder ihrer Best-Friends-Kette in Neongrün und Pink.

„Man kann keine Königin spielen ohne Krone.“

Haben Sie einige Teile auch komplett selbst hergestellt?
Budna: Die Katzenohren, die Milena in einem der Szenenbilder trägt, bestehen aus schwarzem Moosgummi zum Basteln und Haarband (lacht), auch ihre pinke Korsage mit Federn für das Konzert ist extra hergestellt. Die Badehose, die Heiko bei seinem Date mit Jessy trägt, habe ich ebenfalls aus mehreren Teilen zusammengenäht.

Wie sieht der Weg von einer Idee zu einem fertigen Kostüm aus?
Budna: Zuerst liest man das Drehbuch und schaut sich die Charaktere an. Da hat man dann schon ein ungefähres Bild im Kopf. Bevor es aber an das Entwerfen geht, kommt noch einiges an Recherchearbeit. Bei einem historischen Film können das zum Beispiel Fotos der echten Person sein, auf der sie in ihrer realen Kleidung abgebildet ist. Natürlich schneidert man das Ganze dann nicht einfach nach, es geht nur um die Grundidee. Sozusagen das Gerüst des Looks. Auch hier gilt: Man kann keine Königin spielen ohne Krone. Gewisse Details müssen einfach beachtet und Regeln eingehalten werden. Das meiste davon bemerken die Zuschauer gar nicht, sondern nehmen es eher unterbewusst wahr. Das passiert beispielsweise, wenn man eine bestimmte Zeit authentisch darstellen will: Man recherchiert, was zu diesem Zeitpunkt gerade modern war und stellt die entsprechenden Outfits nach den damals aktuellen Schnitten und Farben zusammen. Nicht zuletzt vermitteln wir als Kostümbildner mit unseren Entwürfen vor allem auch ein Gefühl. Und das muss einfach zum Film passen.

Und dann?
Budna: Dann stelle ich Vorschläge zusammen und wir besprechen die Szenen mit dem Regisseuren, Maskenbildnern, Szenenbildern und Schauspielern. Dann gibt es die Anprobe und den Dreh mit dem ausgewählten Entwurf.

Gibt es ein Teil aus einem bestimmten Kostüm, das für Sie von besonderer Bedeutung ist?
Budna: Bellas Kette. Im Film sieht man sie ein paar Mal aus der Nähe. Es ist eine zierliche Silberkette mit drei Sternen, die für Bella und ihre beiden verstorbenen Eltern stehen. Das Accessoire habe ich bewusst für sie ausgesucht, weil es Bellas Charakter wunderbar widerspiegelt. Sie spürt immer noch eine Verbindung zu ihren Eltern, deswegen ist sie auch so aufgebracht, als Jessy die Gitarre ihrer Mutter zertrümmert. Und Bella würde nie den Tod ihrer Eltern nutzen, um mit der Geschichte bei einem Kerl zu landen, so wie es Jessy getan hat. Dass an Bellas Kette der Stern für Jessy fehlt, ist deswegen auch kein Zufall.

Was nehmen Sie aus der Zeit am Set bei „Bruder vor Luder“ mit?
Budna: Die Zusammenarbeit mit Roman, Heiko, Milena, Dagi Bee, Alena, Tara und dem ganzen Team hat mir viel Spaß gemacht. Hinter der Kamera sind das alles wirklich liebenswerte, sympathische Menschen, auch oder auch gerade die, die im Film eher unsympathische Charaktere spielen. Milena hatte zum Beispiel etwas Angst, dass die Fans der Lochis sie für ihre Rolle hassen würden. Privat ist sie nämlich eine total liebe, freundliche und kluge Person. Das haben aber auch die Fans gesehen, denn sie musste bei der Premiere auch fleißig Autogramme schreiben.

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